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Kulturwissenschaftliche Fakultät

Lehrstuhl Soziologie Afrikas - Prof. Dr. Jana Hönke

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Projektteam Hierarchies

Postcolonial Hierarchies in Peace and Conflict

Obwohl postkoloniale und dekoloniale Ansätze auch in der angelsächsischen Friedens- und Konfliktforschung (Barkawi 2016; Sabaratnam 2013; Jabri 2016) rezipiert und weiterentwickelt worden sind, finden diese sowohl theoretisch als auch methodisch in der deutschen Friedens- und Konfliktforschung wenig Anwendung (Brunner 2018, Dittmer 2018, Engels 2014, Hönke/Müller 2016, Mageza-Barthel 2016). Diese postkoloniale ‚Lücke‘ innerhalb der Friedens- und Konfliktforschung ermöglicht aber einen neuen Blick auf die internationale Friedens- und Sicherheitsordnung, einschließlich ihrer Annahmen zu Gewalt, Konfliktdynamiken und Gerechtigkeit.

Ein Netzwerk von vier Partnerinstitutionen aus Marburg, Bayreuth, Freiburg und Erfurt untersucht daher, wie sich historisch geronnene postkoloniale Hierarchien in zeitgenössischen Konfliktdynamiken sowie in der Wissensproduktion der Friedens- und Konfliktforschung niederschlagen und welche Implikationen sich daraus für eine zukünftige nachhaltige Konflikttransformation ergeben.

Das Projekt wird vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) finanziert und startet im April 2022. Es hat eine voraussichtliche Laufzeit von vier Jahren.



Weitere Details finden Sie in der offiziellen Pressemitteilung der Universität Bayreuth

Wissenschaftler*innen in Bayreuth aus Soziologie, Politikwissenschaft, Ethnologie und Geschichte fokussieren sich dabei inhaltlich auf Fragen von postkolonialen Hierarchien in externer Sicherheitsgovernance und Friedenskonsolidierung, mit Schwerpunkten auf Süd-Süd-Beziehungen, der konfliktbezogenen Entwicklungszusammenarbeit und humanitärer Hilfe.

Im Folgenden sind alle Forschungsprojekte aus Bayreuth aufgelistet:


Prof. Dr. Sabelo J. Ndlovu-Gatsheni (Lehrstuhl für Epistemologien des Globalen Südens):
Die Entkolonialisierung der politischen Gemeinschaft im südlichen Afrika: Die Fallstudie von Südafrika und Simbabwe

Der Einstiegspunkt dieses Projekts ist die Frage, wie die Epistemologie die Ontologie beeinflusst. Dieser Rahmen wird auf das Verständnis der gegenwärtigen postkolonialen Hierarchien von Rasse, Ethnizität und Geschlecht sowie der damit einhergehenden materiellen Ungleichheiten angewandt. Untersucht wird, wie sich imperiale/koloniale Episteme in Form dessen reproduzierten, was Gayatri Chakravorty Spivak als "postkoloniale Vernunft" bezeichnete, und wie dies wiederum eine sehr problematische postkoloniale politische Moderne prägte, die durch Konflikte und Gewalt im Zusammenhang mit postkolonialer Staatsbildung, postkolonialer Nationenbildung und Demokratisierung geprägt war. Im Zentrum postkolonialer Konflikte stehen Fragen nach Identität, Staatsbürger*innenschaft, Macht, Geschlecht, Zugehörigkeit sowie Auseinandersetzungen um Ressourcenbesitz und -verteilung. Konzeptionell setzt sich dieses Projekt für eine transformative Gerechtigkeit ein, die auf der Entkolonialisierung der politischen Gemeinschaft als Akt des Denkens und der Vorstellung eines Staates basiert, der von der Nation entkoppelt ist, um einen Bürger*innenstaat zu ermöglichen, der sich von einem Nationalstaat unterscheidet. Empirisch bilden zwei Länder des südlichen Afrikas - Südafrika und Simbabwe - den Forschungsstandort, mit einem Schwerpunkt auf politischen Kulturen und Praktiken. Südafrika und Simbabwe sind beide ehemalige weiße Siedlerkolonien, die beide von ehemaligen Befreiungsbewegungen angeführt werden und beide von komplexen Konflikten um Staatsbürger*innenschaft, Zugehörigkeit, Macht und Ressourcenbesitz heimgesucht werden, die konstitutiv für postkoloniale Hierarchien sind. Während Südafrika seine transformative Gerechtigkeit auf neoliberale Demokratie sowie Wahrheit und Versöhnung als Grundpfeiler für den Aufbau einer neuen politischen Gemeinschaft (genannt "Regenbogennation") gründete, in der Opfer und Täter, die sich gegenseitig vergeben haben, als gleichberechtigte Bürger hervorgehen würde, verfolgte Simbabwe einen radikalen, ausgrenzenden und gewalttätigen nationalistischen Weg, bei dem politische Opposition niemals geduldet wurde, und einem obligatorischen Landreformprozess (das so genannte Dritte Chimurenga). Dieser gipfelte darin, dass den weißen Farmern, die in der Minderheit waren, die Staatsbürgerschaft entzogen und Zugehörigkeit in nativistischer Weise neu definiert wurde. In beiden Ländern haben die transformativen Justizmechanismen keinen Frieden gebracht. Methodisch werden Desktop-Recherche, Literaturrecherche, Archivarbeit und Interviews eine fundierte Analyse der entstehenden postkolonialen, ausgrenzenden und räuberischen politischen Kulturen und Regierungspraktiken sowie kritische Reflexionen zu Konzepten transformativer Gerechtigkeit ermöglichen.
 
 

Dr.in Maria Ketzmerick:
Transformative Responsibility and Global Justice in Conflict: Between Former Colonial Powers and Non-Western Actors?

Im Oktober 2017 eskalierte der anglophone Konflikt in Kamerun gewaltvoll, seither soll es über 3.000 Todesopfer und 500.000 Binnenvertriebene geben (Mehler und Glund 2021). Auf internationaler Ebene wurden der Konflikt und dessen Gewaltereignisse bereits in einem neuen Format des Arria-Formula-Treffens diskutiert (Coni-Zimmer und Peez 2019). Strukturell deutet die Nutzung des informellen Formates darauf hin, dass Konfliktregelung und Gewaltverhütung auf internationaler Ebene vor Herausforderungen stehen. In den letzten Jahren ist ein normativer Wandel in der Debatte über internationale Interventionen bei der Bekämpfung von Kriegsverbrechen und Gewalt gegen die Zivilbevölkerung im Zuge des Aufkommens globaler Gerechtigkeitsnormen zu beobachten (Langer und Eason 2019; Mégret 2015). Nach der Ära des " New Interventionism " (Doyle 2001) wird trotz dessen Kritik (Richmond und Ginty 2015) erwartet, dass die UN nebst anderen internationalen Akteuren reagieren, wenn Zivilist*innen zu Schaden kommen. Dieses Projekt untersucht diese Politik des Schutzes und der Gerechtigkeit und fokussiert sich dabei auf postkoloniale Hierarchien des Wissens in Bezug auf Sicherheit, Frieden und Konflikt. Insbesondere analysiert das Projekt die Faktoren und Wissenssysteme, die entscheiden, wann und wie international(isiert)e oder regionale Akteure entscheiden, einzugreifen, um Schaden von der Zivilbevölkerung abzuwenden, und welche Form solche Interventionen annehmen. Dabei fokussiert sich das Projekt insbesondere auf die Veränderungen durch erstarkende nicht-westliche Akteure wie etwa China: Verändern sich Gerechtigkeitsnormen und Ansprüche an transformative Verantwortung in Gewaltsituationen für ehemalige Kolonialmächte und nicht-westliche Akteure? Vor welchem Hintergrund kommt es zu Non-Intervention, wie im Fall des anglophonen Konflikts, und welche Rolle spielt darin strategisches Nicht-Wissen (McGoey 2012)? Welchen Einfluss haben dabei nicht-westliche Akteure ohne Kolonialvergangenheit - teilen diese die Non-Interference Norm und in welcher Hinsicht bietet diese Haltung mehr Gerechtigkeit für wen? Die Auswirkung der neuen Akteure auf friedens- und sicherheitspolitische Dimensionen sind fundamental nicht nur vor Ort, sondern auch in internationalen Institutionen von grundlegender Bedeutung (Fung 2019) und wirft damit einmal mehr die Frage auf: Welche neuen Hierarchien entstehen in der Konfliktforschung und in der praktischen Konfliktregelung und Gewaltprävention? Und was bedeutet das für die Entscheidungsmacht vor Ort?

Ziel des Projekts ist es, am empirischen Beispiel des anglophonen Konflikts in Kamerun eine theoretische Perspektive einer Friedens- und Konfliktforschung mit postkolonialen/dekolonialen Theorien (Sabaratnam 2017; Go 2013) zu entwickeln, die sowohl internationale Normen als auch geographisch-historische Nachwirkungen und Einflüsse anerkennt (Hönke und Müller 2012). Damit spricht das Projekt alle drei Achsen an, ist aber in das Forschungsfeld III des Netzwerks eingebettet.
 
 

Patricia Pinky Ndlovu, mit Prof. Dr. Jana Hönke:
Violence and Gender in the minibus taxi industry in South Africa: a decolonial-sociological approach

Mein Projekt befasst sich mit drei sich überschneidenden Themen im südafrikanischen Minibus-Taxigewerbe, nämlich Konflikt, Gewalt und Geschlecht. Die beiden zentralen Themen für diese Arbeit sind Geschlecht und Gewalt. Denn das Minibus-Taxigewerbe ist einer der Orte des Patriarchats. Frauen haben es schwer, sich in dieser von Gewalt und Patriarchat geprägten Branche zu behaupten. Im Gegensatz zu bestehenden Studien werden Konflikte und Gewalt in dieser Studie nicht auf "Taxikriege" reduziert. Was untersucht wird, ist die "alltägliche Gewalt" in ihrer multidimensionalen Form - "strukturelle, systemische, symbolische, verbale, kulturelle, organisatorische und normative Gewalt". Die Hypothese dieser Studie lautet, dass das Patriarchat, wenn man es aus einer geschlechtsspezifischen Perspektive betrachtet, eine inhärent gewalttätige Machtstruktur ist und dass seine Erscheinungsformen einer der Hauptgründe dafür sein könnten, dass Frauen Schwierigkeiten haben, in dieser von Männern dominierten Branche Fuß zu fassen und erfolgreich zu arbeiten. Konzeptionell und theoretisch stützt sich die vorgeschlagene Arbeit auf die dekoloniale Denkschule, die es ermöglicht, systemische und institutionelle Gewalt einschließlich des Patriarchats zu diagnostizieren. Die vorgeschlagene Arbeit wird sich auch mit dem befassen, was Cedric J. Robinson (1983) als "Rassenkapitalismus" und seine patriarchalischen Arbeitsregime bezeichnet hat. Dies ist wichtig, weil es Teil des übergreifenden systematischen und strukturellen Terrains ist, innerhalb dessen das Minibus-Taxigewerbe entsteht. Das übergreifende Ziel der Studie besteht daher darin, die alltägliche Gewalt im Minibus-Taxigewerbe zu untersuchen, wobei der Schwerpunkt darauf liegt, wie die Gewalt die Geschlechterdynamik beeinflusst und gestaltet.
 

Dr. Adam Sandor, mit Prof. Dr. Jana Hönke:
Alternative Modelle der Gewährleistung von Sicherheit und Frieden

Schwerpunkt des Projekts liegt auf der Rolle von Akteuren aus dem globalen Süden: Inwiefern treten an die Stelle postliberaler Interventionen westlicher Staaten alternative Modelle der Gewährleistung von Sicherheit und Frieden und mit welchen Effekten? Im Rahmen dieses Arbeitspaketes soll konkrete Praxis fokussiert werden. So stellt sich bei Süd-Süd Interventionen in technischen Bereichen oder dem chinesischen Fokus auf Infrastrukturprojekte und Entwicklung die Frage, inwiefern eigene Ansätze, wie bspw. von Sicherheit durch Entwicklung oder ein eigener, relationaler Ansatz zur Zusammenarbeit beobachtbar sind (z.B. Carrozza 2019, Benabdallah 2016, 2020, Bunskoek/Shih 2021). Es gilt zu untersuchen, inwiefern Praktiken der Sicherheitsgovernance und Friedenskonsolidierung in der Tat andere sind, oder eher bestehende Praktiken globaler postliberaler Ansätze emuliert werden. Es ist ebenso denkbar, dass Rekonfigurationen und Verstetigungen postkolonialer Hierarchien vorherrschen, nicht zuletzt durch die Mimikry, also das Aneignen und Weitergeben kolonial erworbener Gewalt- und Repressionsrepertoires in aktuellen transnationalen Beziehungen (Tickner et al. 2017; Hönke/Müller 2016). In diesem Zusammenhang soll Konfliktmanagement wie die militarisierten Interventionen im Jemen und Syrien (vorwiegend durch die Golf- und andere Nachbarstaaten), oder auch hybride Interventionen, wie sie durch die Türkei in Aserbaidschan oder Russland in der Ukraine zu beobachten sind, betrachtet werden (Turner/Kühn 2019).

Darja Wolfmeier, mit Prof. Dr. Andrea Behrends (Professur für Sozial- und Kulturanthropologie mit Fokus Afrika) und Prof. Dr. Joel Glasman (Professur für Geschichte mit dem Schwerpunkt Geschichte Afrikas):
Post-colonial hierarchies in conflict-related development cooperation and humanitarian aid

Mit Hilfe der postkolonialen Perspektive und der kritischen Rassentheorie wurde die rassistische Voreingenommenheit der Entwicklungszusammenarbeit bereits herausgearbeitet (White 2002, Kothari 2006, Kühn 2010, Benton 2016, Pailey 2020). Neue Forschung im Rahmen dieses AP kann, darauf aufbauend, eine eine mögliche Dekolonisierung humanitärer Hilfe adressieren und damit bisher fehlende Forschung zu Rasse und Macht im humanitären Sektor beitragen. Es gibt nur wenige wissenschaftliche Arbeiten zu den soziologischen und praktischen Realitäten rassistischer (oft verflochtener) Ungleichheiten im humanitären Sektor. Humanitäre Organisationen sehen sich zunehmend der Kritik an den postkolonialen Ungleichheiten in ihrer Praxis ausgesetzt, ohne eine fundierte Lösung anzubieten, aber auch ohne solides empirisches Wissen über vergangene und gegenwärtige Ungleichheiten in ihren eigenen Reihen (Efange 2020, Gray 2020). Wir wollen mit Projekten zur historischen Soziologie von Hilfsorganisationen zur aufkeimenden Literatur und Praxisdiskussion über rassifizierte Beziehungen in extern induzierter Friedenskonsolidierung und Nothilfe beitragen.


Verantwortlich für die Redaktion: Dr. Maria Ketzmerick

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